Veranstaltungsbericht: Nach dem Pogrom – Die Radikalisierung der NS-Verfolgungspolitik im Herbst 1938
- Freundeskreis Yad Vashem e.V.
- 14. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Am 12. November 2025 diskutierten renommierte Expertinnen unter dem Titel „Nach dem Pogrom – Die Radikalisierung der NS-Verfolgungspolitik im Herbst 1938“ über die Nachwirkungen der Novemberpogrome. Eingeladen hatte der Freundeskreis Yad Vashem gemeinsam mit dem Centrum Judaicum. Die Moderation und Einführung übernahm Anne Lepper, die den Abend in drei Teile gliederte: eine szenische Lesung zeitgenössischer Dokumente, gefolgt von zwei wissenschaftlichen Inputs der Historikerinnen Dr. Kim Wünschmann und Dr. Susanne Heim.
Zu Beginn las Anette Daugardt, Schauspielerin und Sprecherin, ausgewählte Quellentexte aus der Edition Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden 1933–1945. Die Dokumente – Berichte, Briefe und diplomatische Depeschen – zeichneten ein vielschichtiges Bild der Ereignisse vom Herbst 1938: die gewaltsame Abschiebung polnischer Juden im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“, die Zerstörungen während der Novemberpogrome und deren unmittelbare Folgen für jüdische Familien. Besonders eindringlich waren die Stimmen der Betroffenen, etwa Gerta Pfeffers Schilderung des erzwungenen Marsches über die deutsch-polnische Grenze oder die Briefe über die Verwüstungen in Bebra und Beuthen. Sie verdeutlichten die Ausweglosigkeit einer Bevölkerung, die schon vor Beginn des Krieges entrechtet, beraubt und physisch bedroht war.
Im anschließenden Vortrag ordnete Dr. Kim Wünschmann, Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg, die Ereignisse in den Kontext des Jahres 1938 ein. Sie zeigte, dass die „Polenaktion“ und die Pogrome nicht als isolierte Gewalttaten zu verstehen sind, sondern als Kulminationspunkt einer sich verschärfenden Verfolgungspolitik. Anhand statistischer Daten und Karten sowie zeitgenössischer Berichte illustrierte sie, wie die Gewalt gegen Jüdinnen und Juden zunehmend systematisch organisiert wurde – von der Vertreibung bis zur Internierung in Konzentrationslagern. Rund 26.000 jüdische Männer wurden nach dem 9. November 1938 inhaftiert, viele in Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen. Wünschmann machte deutlich, dass diese Massendeportationen ein entscheidender Schritt in der Entwicklung vom gesellschaftlichen Ausschluss zur physischen Vernichtung waren.
Dr. Susanne Heim, langjährige Leiterin der Quellenedition VEJ und Expertin für NS-Sozial- und Bevölkerungspolitik, konzentrierte sich im zweiten Teil auf die strukturellen Folgen der Pogrome. Sie zeigte, wie die Gewaltakte in ökonomische Maßnahmen übergingen: die erzwungene „Arisierung“ jüdischen Eigentums, die Aberkennung beruflicher Existenzen und die Isolation der jüdischen Bevölkerung aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Heim betonte, dass diese Prozesse nicht nur Ausdruck einer antisemitischen Radikalisierung waren, sondern auch von ökonomischen Interessen getragen wurden. Die Pogrome dienten als Katalysator einer neuen, administrativ perfektionierten Ausplünderungspolitik, die die Lebensgrundlagen der deutschen Juden systematisch zerstörte.
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Novemberpogrome in der Erinnerungskultur häufig auf eine Nacht reduziert werden, obwohl sie Teil einer längeren Phase eskalierender Gewalt waren. Die Veranstaltung machte sichtbar, dass der Herbst 1938 den Übergang von Diskriminierung zu systematischer Verfolgung markierte – und zugleich eine Zäsur im Verhältnis zwischen Staat,
Gesellschaft und jüdischer Minderheit darstellte.








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