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Interview: Wenzel Michalski im Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin

Aktualisiert: 28. Aug.

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Im Juni 2025 veröffentlichte die Jüdische Gemeinde zu Berlin folgendes Interview mit Wenzel Michalski in ihrem Gemeindeblatt Nr. 275:


Wenzel Michalski ist neuer Geschäftsführer des Freundeskreises Yad Vashem


jb: Was hat Sie bewogen, diese Aufgabe beim Freundeskreis Yad Vashem zu übernehmen?


Zwei Ereignisse waren maßgeblich für meine Entscheidung: Der 7. Oktober und der Tod meines Vaters. Nach dem Überfall der Hamas war mir glasklar, dass jetzt die Zeit zum Handeln gekommen ist, also der Kampf gegen den Judenhass und die Vernichtungsfantasien der Antisemiten von rechts bis links. Und als mein Vater ziemlich bald danach starb, sah ich mich akut mit der Frage konfrontiert: Wie erzähle ich die Geschichte des Überlebens der Schoa weiter? Die Verantwortung des niemals Vergessens trage nun ich, der Sohn, die zweite Generation. Da kam das Angebot, für den Freundeskreis von Yad Vashem zu arbeiten, genau richtig.


jb: Wie kann das Gedenken an die Schoa aufrechterhalten werden, wenn es keine Zeitzeugen wie Ihren Vater Franz Michalski mehr gibt?


Wir müssen neue Methoden entwickeln, die Geschichte immer wieder neu zu erzählen. Und das auf verschiedene Art, also die Narrative für bestimmte Zielgruppen zu konfektionieren. Das kann durch Ausstellungen, Literatur, Podcasts, Social Media, Theaterstücke und Filme erfolgen, um einen empathischen Zugang zum Thema zu ermöglichen. Wichtig ist meines Erachtens, dass das individuelle Schicksal eines Menschen im Mittelpunkt steht, damit sich die Zuhörer und Zuschauer eine Identifikations-Ebene aufbauen können. Überhaupt müssen wir die Menschen auf allen Bildungs-Ebenen dort abholen, wo sie sich medial am liebsten aufhalten und der komplexe Diskurs darf nicht nur auf dem gehobenen intellektuellen und akademischen Niveau stattfinden. Wir müssen neue Arten und Herangehensweisen der Faktenvermittlung entwickeln. Ich habe da gerade erstaunliche und innovative Sachen in Yad Vashem in Jerusalem erleben dürfen, von einem neuartigen Klassenzimmer mit Wänden, die gespickt sind mit interaktiven Bildschirmen bis hin zu einer bahnbrechenden immersiven Projektion, die einen emotional und informativ auf die Reise durch die Geschichte des europäischen Judentums nimmt. Es liegt jetzt an uns, also der zweiten und dritte Generation der Überlebenden, deren Geschichten weiter zu tragen und die Wahrheit über den Holocaust vor Verzerrung und Verwässerung zu bewahren. Optimistisch stimmt mich, dass Yad Vashem diese Herausforderung klug und fundiert angenommen hat und ständig dabei ist, tolle Mittel und Wege zu entwickeln,

die den Generationen das eigentlich Unfassbare zeitgemäß näherbringen und erläutern.


jb: Im Rahmen der Diskussion um die »documenta 15« und insbesondere nach dem Überfall der Hamas ist öfters der Spruch »Free Palestine from German guilt« zu hören. Was setzen Sie dem entgegen?


Das ist ein ganz zynischer Spruch, der aus der linken Ecke der Postkolonialen kommt. Das ist nichts anderes als die ständig wiederkehrende Forderung nach einem Schlussstrich der Rechten. Guilt, also Schuld, ist ja eh Quatsch, denn die Nachfahren der Täter sind ja gar nicht schuldig. Gehen die Linken hier also von einer Kollektivschuld aus? Das ist ideologischer Unsinn, Täter-Opfer-Umkehr und menschenverachtende Kälte. Was wir heute tatsächlich verlangen müssen, ist, Ver- antwortung zu tragen für das Menschheitsverbrechen der Vorfahren. Also müsste der Spruch korrekterweise heißen: »Free Palestine from German Responsibility«. Das wäre natürlich völlig absurd. Insofern könnte man den Spruch als dümmste Polemik abtun. Doch das postkoloniale Dogma ist für Juden sehr gefährlich, weil es in seinem simplifizierendem Populismus bei vielen Menschen verfängt. Diese Behauptung enthält schwerwiegende historische Verzerrungen und sie schafft eine Konkurrenz schwieriger Vergangenheiten, die einer hilfreichen und lehrreichen Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe nicht zuträglich ist. Indem die Postkolonialisten dem Verbrechen der Schoa die Einzigartigkeit absprechen und es in eine Reihe mit den rassistischen Verbrechen der Kolonialmächte stellen und die Juden als weiße Menschen darstellen, die kollektiv vom Kolonialismus profitierten und ihn gar angeblich selber heute noch betreiben, öffnen sie mittels dieser gigantischen Propagandalüge dem Judenhass Tür und Tor – ein gutes Beispiel dafür, wie sich der Antisemitismus immer wieder verändert, neue Formen annimmt und sich jeweiligen Trends anpasst. Hauptsache, man findet immer wieder den Schuldigen für die Misere der Welt; der Jude ist immer der Sündenbock.


jb: Was antworten sie Wissenschaftlern wie dem Australier Dirk Moses, der die Benennung »Zivilisationsbruch« für den Holocaust einen Teil des deutschen »Katechismus« nennt?


Dirk Moses und viele andere Intellektuelle wie Judith Butler und Pankaj Mishras, von dem gerade erst im S.-Fischer-Verlag ein schlimmes Machwerk erschienen ist, verwenden ihre ganze Kraft darauf, den Holocaust zu verharmlosen, um damit das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen und Judenhass zu verbreiten. Wir müssen deswegen mit einer Bildungs- und Debatten-Offensive antworten. Wir dürfen ihnen im öffentlichen Diskurs nicht das Feld überlassen. Schließlich haben diese auf Aufmerksamkeit und Karriere schielenden Akademiker einen Krieg der Worte angefacht und indoktrinieren ganze Generationen von Studenten und angehenden Lehrern und Journalisten. Früher waren es Prediger, die von der Kanzel den Judenhass anfachten und schürten; heute sind es oft Akademiker, die ihre Dogmen in den Hochschulen verbreiten und dort ganze Heerscharen junger Menschen erreichen. Die Anfänge dieser furchtbaren Entwicklung erleben wir gerade auf den Straßen und an den Hochschulen, ja sogar in der Berichterstattung der Medien spiegelt sich diese Denkweise zunehmend wider.


jb: Glauben Sie, durch Ihre Tätigkeit den Umgang mit Antisemitismus im Bildungsbereich beeinflussen zu können?


Mein Sohn wurde vor etwa acht Jahren in seiner Schule verfolgt, gedemütigt und geschlagen. Der grausame Höhepunkt war eine Scheinhinrichtung mit einer Pis- tole auf offener Straße. Täter waren ältere, arabisch- und türkischstämmige Mitschüler. Die Schule hat damals total versagt und lieber den Kopf in den Sand gesteckt. Wie so vielen anderen jüdischen Kindern blieb meinem Sohn nichts anderes übrig, als auf die jüdische Schule zu wechseln, aufs Moses-Mendelssohn-Gymnasium. Dort war er sicher. Damals war der öffentliche Aufschrei groß. Selbst die New York Times hat darüber groß berichtet. Aber es hat sich bis heute nicht wirklich etwas verändert. Erst neulich erzählte mir eine Mutter, dass sie ihr Kind am Mendelssohn-Gymnasium angemeldet hat, nachdem es auf seiner Schule antisemitisch verfolgt wurde. Auch hier hat die Schulleitung offensichtlich nicht gehandelt. Ich glaube, das hat viel mit Feigheit und Faulheit zu tun. Man will sich keinen Ärger aufbürden. Und mit Ignoranz und fehlender Empathie gegenüber Juden. Wohl auch, weil viele Lehrer aus jenem linksliberalen Milieu stammen, das für die Verführungen der Postkolonialen empfänglich ist. Viele, nicht alle, natürlich. Mit anderen Worten: sie sprechen eine antisemitische Sprache, wahrscheinlich ohne dass sie das selber wahrhaben wollen. Viele Lehrer wissen aber auch schlicht nicht, wie sie reagieren sollen und sehen sich überfordert, vor allem, wenn die Täter aus migrantischen Kreisen kommen und sie den Vorwurf des Rassismus befürchten. Deswegen bildet Yad Vashem Lehrer aus und wird, um das umfangreicher und effektiver zu gestalten, in Deutschland ein Holocaust-Bildungszentrum eröffnen. In Zeiten der zunehmenden Verunglimpfung von Juden und Opfern des Holocausts und zunehmender Unwissenheit ist dieses Zentrum von unschätzbarer Wichtigkeit. Die Bundesregierung wird das Projekt unterstützen und damit dazu beitragen, dass die jüdische Perspektive zu einem unverzichtbaren Teil des innerdeutschen Diskurses über den Holocaust wird. Das ist ein echtes Zeichen der Solidarität und des Willens, Antisemitismus in Deutschland zu bekämpfen und die Wahrheit über den Holocaust zu bewahren. In Zeiten, in denen radical chic auf eine Kultur des Wegschauens trifft – dieses Phänomen erinnert erschreckend an die Zeiten der Weimarer Republik – kommt auf uns eine enorme Aufgabe zu. Angesichts dieser Verantwortung und Pflicht, die wir gegenüber unseren Kindern haben, kann einem schon mal anders werden. Aber wir müssen es angehen, bevor es endgültig zu spät ist und man das Rad gar nicht mehr aufhalten kann. Ich finde, es hilft, wenn wir uns an die Widerstandsfähigkeit der Israelis erinnern oder den Widerstand unserer Vorfahren gegen die Nazi-Mörder und ihre Helfer. Damit meine ich die Gerechten unter den Völkern und die Jüdinnen und Juden, die in der Schoa verfolgt waren und die trotz allem versuchten, ihre Humanität aufrechtzuerhalten. Wir befinden uns leider in Zeiten, in denen Mut und Handeln gefragt sind. Das war immer schon so und wird sich auch niemals ändern. Sonst gehen wir unter. Aber solange wir resilient, klug und kreativ sind, habe ich Zuversicht.



 
 
 

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