Gastbeitrag in der WELT: Genozid – Wortgewalt statt Wirklichkeit
- Freundeskreis Yad Vashem e.V.
- 5. Aug.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Aug.
Am Sonntag, dem 3. August 2025, hat die Zeitung WELTÂ einen Gastbeitrag
von Kai Diekmann, dem Vorsitzenden des Freundeskreis Yad Vashem e. V., veröffentlicht. Den Beitrag dokumentieren wir nachfolgend für Sie.

Warum der Vorwurf gegen Israel nicht nur falsch ist, sondern auch eine gefährliche Umdeutung des Holocaust – und damit das Gedächtnis an das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts verzerrt.
Der Begriff „Genozid“ ist zum politischen Kampfbegriff geworden – oft eingesetzt, selten hinterfragt. Die juristische Kategorie entstand aus dem Versuch, das Grauen des Holocaust überhaupt erst benennbar und in Zukunft strafbar zu machen. Die UN-Völkermordkonvention von 1948 wurde unmittelbar als Konsequenz dieser Erfahrung verabschiedet und definiert Genozid als gezielte Auslöschung einer bestimmten Gruppe – und nicht als tragische, aber ungerichtete Folge militärischer Gewalt.
Der Vorwurf wiegt schwer. Doch die Leichtfertigkeit mit der er in Zeitungen, sozialen Medien oder auf Konzerten vorgetragen wird, offenbart eine gefährliche Tendenz: die historische Verdrehung von Täter und Opfer. Wer Israel heute Genozid vorwirft, stellt nicht nur eine absurde Gleichung auf. Er verzerrt das Gedächtnis an das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts.
Gerade in Deutschland ist das kein Nebenwiderspruch. Die Beziehung zu Israel ist historisch geprägt – aus der Verantwortung und einem Versprechen: „Nie wieder.“ Doch zunehmend wird dieses Versprechen umgedeutet – und das Schuldverhältnis umgekehrt. Der Vorwurf des Genozids dient dann als Projektionsfläche: für globale Machtkritik, für postkoloniale Muster, und nicht selten für antisemitische Ressentiments im neuen Gewand.
Wer Israel mit NS-Tätern vergleicht, wirft das Fundament der deutschen Erinnerungspolitik über Bord. Der Holocaust wird relativiert, der Begriff Genozid entkernt. Leid auf beiden Seiten? Ja. Aber Gleichsetzung? Nein.
Der Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 war das größte antisemitisch motivierte Massaker seit der Schoah: 1.200 Tote, über 250 Geiseln verschleppt, gefoltert, ermordet, 50 Menschen sind noch heute in Gefangenschaft, 28 von ihnen sind bereits getötet. Und doch wurde Israel schon am Tag danach als Völkermörder verurteilt – während noch Leichen in Kibbuzen geborgen wurden.
Natürlich darf Israels Vorgehen in Gaza kritisiert werden. Diese Kritik wird insbesondere in Israel am schärfsten geübt. Die Bilder von zerstörten Häusern und getöteten Zivilisten sprechen für sich. Aber die Wirklichkeit ist schlimm genug. Wer Genozid ruft, wo Krieg herrscht, verharmlost das eine – und entwertet das andere.
Das Problem liegt nicht nur in der faktischen Unrichtigkeit des Vorwurfs. Es liegt in seiner Wirkung: Er kehrt Geschichte um. Aus Opfern werden Täter, aus Verantwortung wird Anklage. Und das ausgerechnet in einem Moment, in dem jüdisches Leben weltweit wieder akut bedroht ist.
Wer den Genozid-Vorwurf trotz besseren Wissens erhebt, handelt nicht nur politisch, sondern moralisch fahrlässig. Und gefährlich. Denn was dabei unter die Räder kommt, ist mehr als Differenzierung. Es ist der moralische Kompass unseres Landes.
